"Ein Fleisch werden"
Predigt über 1. Mose 2,22-25

22 Und Gott der HERR baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. 23 Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. 24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. 25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und sein Weib, und schämten sich nicht.

Liebe Geschwister,

durch die Ehe werden Mann und Frau zu "allernächsten Verwandten" - näher, als es Blutsverwandte je sein können. "Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch" - so ruft Adam aus, als er seine Frau sieht. Und so kommt es zu diesem grundlegenden biblischen Lehrsatz über die Ehe: "... und sie werden sein ein Fleisch." Das war und ist das Wesen der Ehe - bis heute. Ein Fleisch: Eine geheimnisvolle Einheit von Leib und Seele, über die schon viel spekuliert wurde - und über die man viele schöne Gedichte geschrieben hat. Laßt uns das Ganze auch heute wieder praktisch angehen, und überlegen: Was schließt die Bibel daraus - für den ganz praktischen Umgang miteinander? Drei Gedanken dazu:

1. Vor dem Einswerden kommt das Verlassen

Unzählige Witze gibt es über die "böse Schwiegermutter". Wenn sie nach harten Kämpfen endlich ihren Sohn einer Ehefrau überlassen hat, läßt sie dennoch nicht locker. Die Schwiegertochter bekommt für alles und jedes Anweisungen: welche Kochtöpfe sie zu benutzen hat, wie die Wäsche zu waschen ist, und was die einzig wahre Art ist, ein Baby zu wickeln. Und natürlich hat "ihr Junge" auch bestimmte Vorlieben beim Essen, die es genau zu beachten gilt... Nein, so gut wie bei "Muttern" wird er es nie mehr haben, so seufzt sie im Stillen.

So weit die Karikatur. Wirklich Betroffene finden das Ganze meistens gar nicht witzig. Und auch die Bibel meint es ernst, wenn sie sagt: Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen. Er verläßt die Beziehung zu seinen engsten Verwandten - seinen Eltern - und geht etwas Neues, viel Tieferes ein.

Wohl dem, der diese neuen "Verwandtschaftsverhältnisse" gut beachtet! Denn dieses "Ein-Fleisch-Sein" verträgt nur sehr schlecht Konkurrenz. Die Kinder sollen die Eltern ehren - auch wenn sie erwachsen sind. Aber ein Fleisch - das werden sie nie mit ihnen sein. Nie. So eng verbunden wie mit meinem Ehepartner bin ich sonst mit keinem Menschen auf der Welt. Das hat Gott so eingerichtet. So sind wir geschaffen.

Deswegen die erste ganz praktische Schlußfolgerung: gerade die junge Ehe und die junge Familie braucht die nötigen Freiräume - aber natürlich nicht nur die junge! -. Liebe Kinder: Wenn ihr geheiratet habt, dann achtet unbedingt auf dieses "Verlassen". Das hat nichts damit zu tun, daß ich meine Eltern im Stich lasse, wenn sie meine Hilfe brauchen. Gut, wenn das klar ist. Und manchmal: Da ist auch erst ein offenes Gespräch nötig mit Vater und Schwiegervater, mit Mutter und Schwiegermutter. Und man sagt ihnen: Wir schätzen euren Rat und eure Hilfe. Aber wir müssen lernen, selbst zurechtzukommen. Und wir werden dabei sicher Manches anders machen als ihr.

Deshalb, liebe Eltern: traut euren mehr oder weniger frisch verheirateten Kindern zu. Daß sie jetzt eine eigene Familie sind. Und unabhängig sein müssen. Klammert euch nicht fest und mischt euch nicht ungefragt ein. Gerade dann, wenn wir die ganze Angelegenheit im Glauben angehen. Und das wollen wir doch, als Christen. Dann wissen wir auch: Unser Schöpfer selbst hat das Ganze so eingerichtet. Daß zur Ehe auch das Verlassen von Vater und Mutter gehört. Dann kann es doch unmöglich schaden. Wenn wir darauf achten. Denn das ist das beste. Für eine mehr oder weniger junge Ehe der Kinder. Für die Ehe der Eltern. Und auch - für das Miteinander von Eltern und Kindern. "Darum wir ein Mann Vater und Mutter verlassen..." Vor dem Einswerden kommt das Verlassen.

2. Als wär´s ein Stück von mir

Für uns Männer ist dieses Ein-Fleisch-Sein eine besondere Herausforderung. Jawohl! Als der Apostel Paulus in seinem Brief an die Epheser unsere Stelle zitiert. Da zieht er eine höchst bemerkenswerte Schlußfolgerung: "Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er nährt und pflegt es, wie auch Christus die Gemeinde." (Epheser 5,29) So sagt er uns Männer. Die Vorgabe ist tatsächlich: Ich soll meine Frau behandeln, wie Jesus selbst mich auch behandelt. Und Jesus hat sogar sein Leben für uns hingegeben! Er, unser Haupt. Er ist mit uns, der Gemeinde, so eng verbunden. Daß er alles dafür gibt. Wir sind mit unseren Ehefrauen so eng verbunden. Daß sie unsere ganze Zuwendung verdienen. "Als wär´s ein Stück von mir."

Natürlich können wir unsere Ehefrauen nicht von ihren Sünden erlösen. Dafür hat allein Christus gesorgt - am Kreuz, ein für allemal. Aber bevor Jesus den Weg ans Kreuz geht. Da zeigt er seinen Jüngern, was sie sich von seiner Gesinnung für ein Beispiel nehmen können. Er sagt ihnen nicht: Versucht, die Welt zu erlösen. Aber er wäscht ihnen ihre Füße. (Johannes 13,1ff) Dienstbereit beugt er sich dazu nieder. Der Herr kniet vor seinen Jüngern. Und dann sagt er ihnen: Und diese Gesinnung, die ihr gerade an mir gesehen habt. Die nehmt auch für euch an. Und dient.

Ich denke, wir wissen. Wie wenig wir diesem Maßstab oft entsprechen. Und nicht dienstbereit gegenüber unseren Frauen sind. In der Tat - aus eigener Kraft ist hier nicht viel ausgerichtet. Und wenn wir irgendwo als Christen um die Kraft des Heiligen Geistes bitten müssen. Dann hier - wenn es darum geht, unseren Frauen zu dienen. Daß wir da nicht aufgeben. Das ist immer wieder ein Kampf. Und ein Leben aus der Vergebung - ja, vor allem das Letztere. Letztlich tut man sich ja selbst Gutes damit. Denn wenn ich meiner Frau diene - dann diene ich uns beiden. Ich bin ja ein Fleisch mit ihr. "Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er nährt und pflegt es, wie auch Christus die Gemeinde."

Am Schluß aber noch ein Wort dazu. Um Mißverständnisse zu vermeiden. Dienen - das hat nun wirklich nichts mit "Unter-dem-Pantoffel-Stehen" zu tun. Jesus steht doch auch nicht unter dem Pantoffel der Gemeinde, oder? Sondern er ist ihr Haupt, unbestritten. Aber er ist deshalb ihr Haupt, weil er ihr gedient hat. In der Tat - das ist nicht leicht zu verstehen! Und noch schwieriger umzusetzen. Wie sagt Paulus zu Recht: "Dies Geheimnis ist groß." (Eph 5,32) Meine Frau: Als wär´s ein Stück von mir.

3. Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden

Ein-Fleisch-Sein - diese Verwandtschaft ist so eng, daß sie prinzipiell unauflöslich ist - ein exklusiver Bund auf Lebenszeit. Da wir aber schwache, sündige Menschen sind. Machen wir dieser guten Idee Gottes immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Sei es durch Ehebruch - denken wir an König David! Oder wir lassen uns scheiden.

Ich möchte heute über diese zweite "Möglichkeit" sprechen, wie wir Menschen Gottes Pläne durchkreuzen - und zwar auch wir Christen! Um es gleich vorweg zu schicken: es kann nicht darum gehen, auf irgendwen mit Fingern zu zeigen. Scheidung ist in erster Linie etwas Tieftrauriges, Belastendes - für alle Beteiligten. Wohl dem, der von Gott davor bewahrt wird!

Bevor man über Ehescheidung redet, muß man sich aber zuerst klar machen, was man sich da versprochen hat, auf dem Standesamt und - wer kirchlich geheiratet hat - auch vor dem Traualtar. Jesus zitiert unsere Stelle über das Ein-Fleisch-Sein in einer Diskussion mit den Pharisäern. Wir haben sie eben in der Schriftlesung gehört. Man muß wissen, daß auch im Volk Gottes, in Israel, die Scheidungen immer mehr geworden waren. Zur Zeit Jesu war es so: Besonders der Mann hatte durch den sogenannten "Scheidebrief" eine Möglichkeit. (Matthäus 19) Fast wie im Warenhaus, konnte der Mann mit seiner Frau verfahren. "Bei Nichtgefallen Rückgabe garantiert." Man mußte nur eine mehr oder weniger plausible Begründung finden. Und dann diesen Scheidebrief schreiben. Jesus zitiert dazu den Schöpfungsbericht, und dann sagt er: "Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden."

Wir lernen daraus erstens: Wer sich scheiden läßt, der greift etwas an. Der greift etwas an, was Gott selbst gemacht hat. Und damit greift er auch Gott selbst an. Erhebt sich gegen seinen Schöpfer. Jede Ehe ist viel mehr als nur ein menschlicher Entschluß, ein natürliches Zusammenwachsen. Eine Ehe ist in jedem Fall ein Eingreifen Gottes, im Leben von zwei - übrigens bei Christen genauso wie bei nicht Gläubigen. Gott hat die Ehe gestiftet, nicht die Menschen! Er fügt die beiden zusammen. Wir wollen aber nicht vergessen: Gerade hier können wir ganz besonders auf seine Vergebung hoffen.

Wir sehen zweitens: Hier ist wirklich etwas zusammengefügt worden. Ganz fest zusammengefügt. Ein Fleisch - fast so, als ob auf geheimnisvolle Weise aus zwei Personen etwas ganz Neues wird. Das vorher noch nie so da gewesen ist. Eine Gemeinschaft an Leib, Seele und Geist. Man verzeihe mir den drastischen Vergleich. Aber niemand unter uns schneidet sich doch freiwillig Arme und Beine ab. Doch genau das ist Scheidung: Es ist wie eine Amputation. Eigentlich sogar noch schlimmer. Und diejenigen, die so etwas durchgemacht haben. Die wissen, wie schmerzhaft das sein kann.

Wie weit wir uns doch hier in unserm Land von Gottes Wort entfernt haben! Je nach Wohngegend werden laut Statistik bis zu 50 Prozent aller Ehen geschieden. Es ist eine gesellschaftliche Katastrophe. Die unserm Land wohl mehr Schaden zufügen wird als Schuldenberge und hohe Arbeitslosigkeit. Kaum einer weiß noch, wie die Bibel, wie Gott darüber denkt. Scheidungen hat es schon immer und zu allen Zeiten gegeben. Das Problem heute ist ein anderes. Nämlich das Maß, in dem wir uns daran gewöhnt haben. Und wie leichtfertig man damit umgeht: Wir passen nicht zusammen, die Liebe ist abgekühlt, wir vertragen uns nicht, wir haben verschiedene Lebensziele, mit dir werde ich nicht glücklich, ich habe jemanden gefunden, der mir besser gefällt usw. usw. - und man läßt sich scheiden. Ob diese Einstellung auch in die christliche Gemeinde eingedrungen ist?

Ich möchte an der Stelle nicht verschweigen, daß auch die Bibel die Scheidung als eine Art "unmögliche Möglichkeit" kennt. Ein Beispiel gibt Jesus selbst (Matthäus 19,9): Einer der Partner wird untreu. Und er bereut seinen Seitensprung nicht. Sondern er setzt sein "Verhältnis" fort, und fort. Und lässt nicht mit sich reden. Da erlaubt auch Gott diese schmerzhafte Trennung. Und der Betrogene kann die Ehe auflösen.

Oder der Fall, wo nur einer der Ehepartner ein Christ ist. Gerade zur Zeit der ersten Mission gab es das sicher oft: Einer der beiden kommt zum Glauben an Jesus, er bekehrt sich. Und der Andere nicht. Paulus sagt (1 Korinther 7,10-16): Wenn der Ungläubige diesen Schritt absolut nicht akzeptieren kann. Und nicht mit einem Christen verheiratet sein will. Dann darf der Christ seinen Ehepartner freigeben. Auch sonst gibt es im Leben immer wieder schwierige Grenzfälle. Solche, die nicht alle in der Bibel beschrieben sind. Etwa: Was ist, wenn der Mann trinkt und Frau und Kinder schlägt? Ich weiß nicht, ob ich - wäre ich eine Frau - den Glauben hätte. Mit einem solchen Mann in der Ehe zu bleiben. Wie gesagt - traurige Grenzfälle, die leider immer wieder vorkommen.

Das soll uns aber nicht darüber hinwegtäuschen: Scheidung ist zunächst einmal ganz und gar nicht Gottes Wille. Sondern gerade hier sehen wir, wie groß die Not werden kann. In unserer gefallenen Welt. In der wir "jenseits von Eden" leben, eben nicht mehr im Paradies. Auch nicht im "Eheparadies". Dennoch, gerade da: Wenn Gott uns zusammengefügt hat. Dann möchte er nicht anschließend eine schmerzhafte Amputation. Sondern er macht uns Mut. Daß für jede Ehe eine Neuanfang möglich ist.

Beispiel: Wir gehen ja heute für alles Mögliche zum Spezialisten. Wir suchen Rat für die Gesundheit beim Arzt. Für die Finanzen beim Vermögensberater. Und für unsere Seele beim Psychologen. Warum sucht man so wenig Rat für seine Ehe bei ihrem "Erfinder"? Bei Gott und seinem Wort? Setzt sich zusammen mit dem Pastor oder einem anderen, biblisch gegründeten Bruder oder Schwester aus der Gemeinde? Ich bin der festen Überzeugung. Viele, wenn nicht die meisten Scheidungen. Wären gar nicht erst zustande gekommen. Hätte man sich rechtzeitig Rat geholt aus Gottes Wort. Daraus gelernt, vor Gott und voreinander Schuld zu bekennen. Sich gegenseitig Verletzungen zu vergeben, statt bitter zu bleiben. Gottes Anweisungen für eine gelungene Ehe zu suchen - und die Bibel sagt so viel dazu! Gott macht uns Mut dazu. Daß wir tatsächlich "ein Fleisch" bleiben können. Und in eine erfüllende Ehe hineinwachsen können. Schließlich hat er uns ja selbst zusammengefügt. Dann kann er uns auch bewahren und segnen.

Liebe Geschwister. Es ist ein großes Geschenk. Wenn ich einen Menschen habe, mit dem ich ein Fleisch geworden bin. Laßt uns deshalb dieses Geschenk vorsichtig und dankbar behandeln: Als Verheiratete in rechter Weise mit unseren Eltern umgehen ("Verlassen"). Laßt uns dienen. Und laßt uns fest darauf vertrauen: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Sondern das kann Gott auch zusammenhalten. "Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden sein ein Fleisch." Amen.

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