Siehe, dein König kommt zu dir - Predigt zum 1. Advent über Sacharja 9,9

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.

Liebe Geschwister,
Adventszeit ist die Zeit, wo wir uns über Jesus, den König, freuen können. "Du Tochter Zion, freue dich sehr!" So heißt es im Wort hier. "Tochter Zion" - so singen wir auch im Lied (Gesangbuch der EmK Nr. 152), mit festlicher, froher Melodie. Was ist das für ein König, der da kommt? Und warum ist das ein Grund zur Freude?

1. Ein gerechter Richter

In manchen Kirchen hängen in der Adventszeit violette Decken am Altar, in der gleichen Farbe, wie auch in der Passionszeit. Es ist die Farbe der Besinnung, der Einkehr und der Buße. Die Adventszeit hat neben der fröhlichen, hellen Seite auch eine ernste Seite, der man zuerst genau auf den Grund gehen muss, bevor man versteht: Auch das ist ein Grund zur Freude.
Wir verstehen das besser, wenn wir uns den König genauer anschauen, der da kommt. Hier hilft ein Vergleich - denn auch anderswo im Alten Testament wird Gott als ein Gerechter beschrieben. "Gott ist ein gerechter Richter und ein Gott, der täglich strafen kann." (Psalm 7:12) So betet der Psalmist. "Du bist gerecht in allem, was du über uns gebracht hast; denn du hast recht getan, wir aber sind gottlos gewesen." (Nehemia 9:33) So bekennt das Volk Israel nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft, bei dem großen Buß- und Bettag in Jerusalem, nach dem Wiederaufbau. Ein Gerechter kommt - einer, der die Maßstäbe des Wortes Gottes an uns anlegt, einer, der unsere Sünde ans Licht bringt und uns gerecht richtet.
Kann man das so einfach auf Jesus übertragen, den König und Heiland, auf den wir uns zu Recht freuen? Wenn wir die Evangelien anschauen, dann sehen wir: Wenn Menschen Jesus begegnen, dann kommen immer wieder auch ihre dunklen Seiten ans Licht, und gegenüber dem gerechten König erkennen sie ihre Sünde. Als Jesus den Fischern geholfen hatte, nach einer erfolglosen Nacht doch noch eine große Menge Fische zu fangen, da erkennt es Petrus. Da " ...fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch." (Lukas 5:8) Viel später, nachdem er Jesus dreimal verleugnet hat, da genügt ihm ein einziger Blick Jesu. "Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich." (Lukas 22:62) Kenne ich diese Erfahrung auch, wenn der Blick Jesu auf mich fällt, und ich erkenne, wie armselig mein Mut immer noch ist? Mein Mut, mich zu ihm zu bekennen, bei angenehmen und bei unangenehmen Gelegenheiten?
Da kommt der reiche Jüngling zu Jesus, und er prahlt damit, wie er immer konsequent und ohne Kompromisse nach den Geboten Gottes gelebt hat. "Da sprach der Jüngling zu ihm: Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch?" (Lukas 19:20) Aber als Jesus ihm gleichsam in den Geldbeutel greifen will, da wird das ganze Elend seines Lebens offenbar: Sein Gott ist der Mammon, und sein Herz hängt viel mehr an seinem Besitz als an Gott. Nicht einmal das erste Gebot - "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!" - nicht einmal dieses Gebot hatte dieser Prahlhans gehalten. Kenne ich diese Erfahrung auch, wenn ich Jesus begegne, und ich erkenne, wie wenig mein Herz wirklich an ihm hängt - dann, wenn es darauf ankommt, und dann, wenn es Opfer kostet?
Da kommt eine Frau zu Jesus, eine stadtbekannte "Sünderin", wie es heißt. (Lukas 7:36-50) Und ich stelle mir vor, wie sie ihr ganzes zerbrochenes Leben mit sich bringt, ihre zerbrochenen Beziehungen, ihre zerbrochenen Hoffnungen - und ihr schlechtes Gewissen. Denn sie weiß genau, dass ihr bisheriges Leben Gott nicht gefallen hat. Und sie sucht Vergebung bei Jesus, fällt vor ihm nieder, salbt seine Füße mit Salböl. Alles ist ans Licht gekommen in der Begegnung mit Jesus. Das, worüber man sich in der Stadt "das Maul zerrissen" hat. Und das, wovon nur sie selbst und Jesus wissen. Alles kommt ans Licht. Und Jesus sagt ihr: "Dir sind deine Sünden vergeben." (Lukas 7:48) Kenne ich diese Erfahrung auch, wenn ich mich vor Jesus demütige, und frage: Herr, kann ich noch einmal ganz von vorn anfangen?
Doch auch dann, wenn solche Begegnungen mit dem Gerechten, mit dem König. Auch wenn solche Begegnungen mit Scham und Reue verbunden sind. Wenn ich gar darüber heftig erschrecke, wie mein Leben im Licht des heiligen Gottes aussieht. Selbst dann sind diese Begegnungen ein Grund zur Adventsfreude. Warum? Weil es besser ist, wenn alles jetzt ans Licht gezogen wird. Besser jetzt, als wenn es erst im viel helleren Licht des Jüngsten Tages zur Sprache kommt. Dann, wenn Jesus, der gerechte Richter. Der, der "kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten", wie es im Glaubensbekenntnis heißt. Wenn er mich nach meinem Leben befragt - und ich ihm nichts zu antworten weiß.  Besser jetzt Tränen der Buße geweint, als dann einmal, eine Ewigkeit lang, fern und getrennt von Gott, zu bereuen, und sich immer wieder zu sagen: Hätte ich doch, als noch Gelegenheit war.
Ja, wer den Advent als Zeit der Einkehr und der Buße nutzt. Wer sein Leben ehrlich in das Licht des gerechten Richters stellt. Der wird es nicht bereuen. Und wenn er dann das Wort Jesu, des Königs, hört: Dir sind deine Sünden vergeben. Dann kommt echte Freude auf.

2. Ein Helfer

Noch mehr Freude kommt auf, wenn wir die zweite Beschreibung dieses Königs betrachten. Er ist ein "Helfer". Jesus, der König - ein echter Helfer in der Not. Wenn wir jetzt in der Gemeinde herumfragen würden, dann könnte sicher so mancher etwas dazu sagen - wie Jesus ihm geholfen hat. Sei es in einer der vielen kleinen Verlegenheiten des Alltags, wo er ein Stoßgebet erhört hat. Oder noch vielmehr in großen Nöten, wo ich nicht mehr weiter wusste, und lange beten und kämpfen musste, bis ich endlich Licht am Ende des Tunnels sehen konnte. So lange, bis ich schließlich bezeugen konnte: Wo die Not groß ist, da ist Jesus, der König, der Helfer, immer noch größer.
Und doch steckt in diesem Wort noch viel mehr. Denn so groß die Nöte unseres Lebens manchmal werden können. Die Bibel kennt eine noch viel tiefere Not des Menschen: Unsere Sünden-Not. Die Not desjenigen Menschen, dem seine Schuld nicht abgenommen, und dem nicht vergeben wurde. Da passt es, dass schon das Wort "Helfer" im Originaltext einen besonderen Klang hat. Ein jüdischer Leser, einer, der seine Bibel auf hebräisch lesen konnte. Der hörte bei dieser Verheißung nämlich den jüdischen Namen "Jeschua" mit - für uns: "Jesus". Und was dieser Name bedeutet, das hat schon der Engel dem Josef erklärt, als er ihm von der Schwangerschaft Marias sagte: "Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden." (Lukas 1:21) "Jeschua" - "Jesus" - er ist unser Helfer vor allem dann, wenn er unser Heiland, wenn er unser Retter von Sünden wird.
Jetzt wird auch klarer, warum der Einzug nach Jerusalem so merkwürdig stattfinden soll. (Matthäus 21:1-9) Denn hier kommt kein machtvoller Herrscher mit großem Gepränge und einer Armee im Rücken. Wie viel anders sind damals die römischen Feldherren eingezogen, wenn sie von einer siegreichen Schlacht zurück kamen!  Sondern Jesus kommt "arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin." Wenn wir uns erinnern, was kurz nach diesem Triumphzug geschieht, dann erkennen wir es. Gottes Sohn, der den Himmel und seine Herrlichkeit verlassen hat. Um mitten in der Armseligkeit der Menschen zu wohnen. Er wird kurze Zeit nach diesem Einzug im Garten Gethsemane beten, und vor Todesangst zittern - denn er weiß genau, was auf ihn zukommt. Und dann kommen sie, um ihn zu verhaften. (z.B. Matthäus 26:36-56) Und er geht den Weg gehorsam bis zum Ende, so, wie es seit Anfang der Welt beschlossen war. (Matthäus 27,31ff:) Als er dann am Kreuz hängt, und eben nicht herabsteigt, wie sie es ihm sagen. Als er dann schreit: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Hier, in seinem Sterben und in seinem Tod - da wird Jesus, der König, ganz arm. Da ist alle Herrlichkeit verschwunden - genau so, wie es der Prophet Sacharja vorausgesagt hatte.
Und doch ist genau das das große Wunder, die erstaunliche, die merkwürdige Botschaft des Evangeliums: Genau so, durch diese Armut, durch diese Erniedrigung. Genau dadurch wird Jesus, der König, wird er unser Helfer, unser Heiland, unser Retter von Sünden. "Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet." (2. Korinther 8:9) So bezeugt es der Apostel Paulus den Korinthern. Und so bezeugt es das Neue Testament immer wieder, so ist der Grundton der frohen Botschaft: Jesus, der König, er wird arm und schwach um unsertwillen, damit er uns aufrichten kann. Jesus, der König, er nimmt uns unsere Schuld, und gibt uns seine Gerechtigkeit, seine Gnade und Barmherzigkeit, seine Vergebung.
Deshalb ist das der Kern der frohen Adventsbotschaft: Schau auf das Kreuz. Schau, wie dieser wundersame König ganz arm wird für dich - damit er dich reich beschenken kann. Das ist wahrlich ein "gutes Geschäft" für uns, seine Armut für unseren Reichtum, nicht wahr? Schau, wie er, der gerechte Richter, selbst die Strafe auf sich nimmt. Schau, wie er, der Unschuldige, die Last deiner Schuld trägt. Und du wirst froh werden darüber.

3. Siehe, zu dir

Ganz persönlich wird die Botschaft hier. Siehe, dein König kommt - zu dir! Denn hier bin ich selbst angesprochen: Siehe, schau, pass auf! Er kommt nicht zu diesem oder jenem, sondern er kommt zu dir. Genau zu dir, der du  jetzt hier sitzt und das Wort hörst. Wer wollte da noch zögern?
Damit wir diesen König nicht verpassen, darum möchte ich zum Schluss noch eine Begebenheit von einem erzählen, der tatsächlich einen König verpasst hat. Es ist ein Erlebnis von Pfarrer Wilhelm Busch. Manche kennen seinen Namen vielleicht von seinem bekanntesten Buch: "Jesus, unser Schicksal". Er war auf einer Reise in Skandinavien, und er kam in die norwegische Hauptstadt Oslo. Nicht nur damals, sondern bis heute haben die Norweger einen König. Und Wilhelm Busch wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen - denn es war angekündigt, dass der norwegische König kommen und vorbeifahren sollte. So stellte er sich an einen entsprechenden Platz, wo schon eine ganze Anzahl junger Leute standen. Ob die auch ihren König sehen wollten? Auf einmal kam Bewegung auf, alles rannte zu einer anderen, entfernten Stelle. Ich folge ihnen besser, denn sie kennen sich aus, dachte er, und so lief er hinterher. Als er dort ankam, sah er eine weibliche Person, umringt von einer Menschentraube. Es war eine international bekannte Schauspielerin, und sie gab Autogramme für die jungen Leute. Schnell wieder zurück, sagte sich Busch, und machte sich auf zu seinem alten Aussichtsplatz. Doch - wie enttäuschend! Es war zu spät, so sagte man ihm. Der norwegische König war bereits vorbeigefahren. Und so hatte Wilhelm Busch die Begegnung mit einem echten König verpasst, unwiderruflich.
Und die Moral von der Geschicht'? Wie es schon höchst bedauerlich sein kann, wenn man die seltene Gelegenheit verpasst, einmal einen echten König "live" zu sehen. Wie viel tragischer ist es, wenn ich die Begegnung mit Jesus, dem König der Welt, verpasse. Wohl dem, der sich hier nicht ablenken lässt - und das Leben bietet weit mehr Ablenkungen, als nur die Autogrammstunde mit einer Schauspielerin. Ja - es ist besonders tragisch, wenn es nie zu einer ersten Begegnung mit diesem König kommt. Und es verrinnt Jahr um Jahr deines Lebens. Ein Advent nach dem anderen kommt, die Tannenzweige werden aufgesteckt, Gott rüttelt dich gleichsam fest an der Schulter, und er sagt: Siehst du es denn nicht endlich - dein König kommt zu dir! Aber du schaust höchst angestrengt in eine andere Richtung. Vielleicht zu deiner Arbeit, vielleicht zu deiner Familie, oder vielleicht auch zu deinen Sorgen - aber den König verpasst du. Siehe, dein König kommt. Er kommt nicht irgendwo hin - sondern er kommt zu dir.
Nein, wir wollen den König der Welt nicht verpassen. Wir wollen ihm, dem gerechten Richter, nicht ausweichen, wenn er dunkle Stellen unseres Lebens ans Licht bringen will. Advent - das ist die Zeit der Buße, die große Chance der Vergebung. Wir wollen ihn, den König, anschauen, wie er ganz arm wird. Wie er sich für mich festnageln lässt am Kreuz, und wie er dort zum Helfer in meiner größten Not wird - in der Sündennot. Ja, Adventszeit ist vor allem die Zeit freudiger Erwartung. "Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin." Wollen wir es von Herzen singen und beten: "Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach, zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein." (Gesangbuch der EmK Nr. 145,5) Amen.

zurück zur Übersicht